Förderung der Kriminalistik in Wissenschaft, Praxis, Aus- und Weiterbildung Deutsche Gesellschaft für Kriminalistik
Förderung der Kriminalistik in Wissenschaft, Praxis, Aus- und WeiterbildungDeutsche Gesellschaft für Kriminalistik

Entwicklungstendenzen der Kriminalistik

4. Universitäts- und Hochschulausbildung Kriminalistik

Eine an kriminalistische Experten, in Fachzeitschriften sowie an die Adresse der Deut-
schen Gesellschaft für Kriminalistik immer wieder gerichtete Fragestellung lautet:
,,Wo kann man in Deutschland Kriminalistik studieren?[5] Die bedauerliche Antwort
lautet eindeutig: "Nirgends".
Es gibt in Deutschland keinen speziellen hochschulischen bzw. universitären kriminalisti-
schen Studiengang der nach entsprechender Ausbildung auf Hochschulniveau mit einem
akademischen Grad (z.B. Mastergrad / Master of Crimen - Investigation) abschließt. Die
Gründe sind vielfältig. Sie sind in der historischen Vergangenheit, der unterschiedlichen
Entwicklung Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg, dem föderalen Staatsaufbau, der
mangelnden Bereitschaft zur Wissenschaftsförderung, eingeschränktem ,,Polizeidenken",
Nichtanerkennung der Notwendigkeit einer fachspezifischen Spezialisierung von polizei-
lichen Führungskräften für die Straftatenuntersuchung und ­bekämpfung und weiteren
Gründen zu suchen, die den Rahmen der hier gegebenen Darstellungsmöglichkeit über-
steigen.
Festzustellen ist: Kriminalistik wird, im Gegensatz zur Kriminologie, ausschließlich als
Lehrfach an den Fachhochschulen für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Polizeivoll-
zugsdienst, bzw. Fachhochschulen der Polizei unterrichtet. Dabei besteht die Gefahr, dass
dieses Fach im Zuge der Bachelorisierung als Lehrfach wohl bald untergehen könnte.
Auch in der Bachelorausbildung gibt es keinen einem Studiengang ,,Kriminalistik" ent-
sprechenden Abschluss.
Selbst geschichtliche Betrachtungen helfen nicht viel weiter, wenn der politische Wille zu
Veränderungen im Zeitalter der fachspezifischen Spezialisierung nicht vorhanden ist. Da-
bei könnte Deutschland an die Traditionen von Friedrich August Biener, der nach der
Gründung der Berliner Universität im Jahr 1880 von 1810 bis 1832 an der Juristenfakultät
erstmalig Kriminalrecht und Kriminalprozessrecht gelesen hat, an Paul, Johann Anselm
von Feuerbach, Joseph Mittermaier, Hans Groß, Franz von Jagemann und Hans
Schneickert anknüpfen. Ebenso an Franz von Liszt, der 1888 mit seinem in Marburg ge-
gründeten und 1889 in Halle fortgesetztem Seminar ­ dass sich deutlich vom strafrechtli-
chen Seminar ­ unterschied, weitere Zeichen für eine universitäre Kriminalistikausbildung
setzte.
Nach 1945 tat dies Prof. Artur Kanger. Ein 1875 in Russland geborener Pharmakologe
aus Odessa, Der Professor für pharmazeutische und gerichtliche Chemie wirkte von 1933
bis 1939 als Professor für Kriminaltechnik und Leiter des Lettischen Instituts für wissen-
schaftliche Gerichtsexpertise in Riga.[6] Kanger stellte am 27.02.1946 an der Humboldt-
Universität zu Berlin den Antrag auf einen naturwissenschaftlich-technisch geprägten
kriminalistischen Lehrauftrag, Er und Max Hagemann wurden daraufhin als Honorarpro-
fessoren berufen. Kanger setzte sich vehement für die Bildung eines Kriminalistischen In-
stituts ein. Nach jahrelangem Kampf wurde 1952 das kriminalistische Institut an der Juris-
tischen Fakultät gebildet, aus dem sich unter Ehrenfried Stelzer die Sektion Kriminalistik
der Humboldt-Universität Berlin entwickelte, welche bis zum 31. Dezember 1994 mehr
als 3000 Diplomkriminalisten in einem vierjährigen Studium ausbildete. Leonhardt und
Schurich (1991, 1992, 1993, 1994) haben die sich bis zur Einstellung des Studienganges
vollzogene Entwicklung ausführlich beschrieben.[7] Schon im Jahre 1990 ergab sich im Zu-
ge der rechtsstaatlichen Reformierung des Studiums die Möglichkeit, diesen Studiengang
durch den Bund und die Bundesländer fortzuführen. Dazu gab es kein bundesweites Inte-
resse. Da die Hochschulpolitik nach dem Grundgesetz Ländersache ist, entschied letztlich
das Land Berlin gegen die Weiterführung als Landeseinrichtung. Die Gründe für die Ab-
wicklung der Sektion Kriminalistik sind allerdings nicht nur formal rechtlicher Natur.
Rechtspolitische und systembedingte Vorbehalte, die sich aus der Natur der ,,Sozialisti-
schen Kriminalistik" ergaben, können eine weitere Erklärung sein. Die Redaktion der
Zeitschrift Kriminalistik bemerkte, ,,es gab keinen Aufschrei der Bundesländer" als 1994
der Unterricht an der Humboldt-Universität auch gegen international rennomierten Pro-
test und zwiespältige Ansichten des Bundes eingestellt wurde.
Eine neue Chance für die Einführung eines hochschulischen Kriminalistikstudiums ergab
sich bei der Weiterentwicklung der Polizeiführungsakademie Münster (der höchsten Aus-
bildungsstätte der deutschen Polizeien des Bundes und der Länder) zur Deutschen Hoch-
schule der Polizei (DHPol). Sie wurde auf der Grundlage eines Gesetzes über ihre Bildung
vom 15. Februar 2005 geschaffen und befindet sich seit dem 01. März 2006 in der Grün-
dungsphase. Derzeit (2007) steht der erste Masterstudiengang vor dem Abschluss. Ver-
liehen wird der akademische Grad Public Administration ­ Police Management. Obwohl
gesetzlich dazu eine Möglichkeit besteht, wurde kein eigenständiger Studiengang ,,Krimi-
nalistik" angesiedelt. Kriminalistik wird lediglich unter dem Dach eines Fachbereichs Po-
lizeiliches Management, Fachgebiet Kriminalistik/Kriminologie mit folgender Zielstel-
lung gelehrt: ,,Dieses Fachgebiet analysiert in den beiden Lehrfächern Probleme der prä-
ventiven und repressiven Kriminalitätskontrolle auf der Führungsebene und erarbeitet in
der Aus- und Fortbildung kriminalstrategische Lösungsansätze für die Praxis".[8] Demge-
mäß lautet auch die Ausschreibung für eine Professur mit der Bezeichnung ,,Kriminologie
und Interdisziplinäre Kriminalprävention". Zwischen der Deutschen Hochschule der Poli-
zei und der Universität Münster soll sich eine Zusammenarbeit zu einzelnen Projekte ent-
wickeln, diese soll auch eine wissenschaftliche Graduierung erlauben.
An vielen Universitäten Deutschlands bestehen Lehrstühle, Fachgebiete oder Institute mit
den Bezeichnungen ,,Kriminalistik/Kriminologie", ,,Kriminalwissenschaften" u. ä. In kei-
ner Einrichtung wird jedoch eine auf den Gegenstand der Kriminalistik ausgerichtete
systematische Lehre und Forschung durchgeführt. Vorrangig werden kriminologische und
sozialwissenschaftliche Themen angeboten.
Es existieren jedoch an wenigen Universitäten Deutschlands auch Bemühungen, krimina-
listische Einzelthemen in artverwandte Studiengänge zu integrieren. So gibt es an der U-
niversität Osnabrück vom Fachbereich Rechtswissenschaften initiierte Ringvorlesungen
,,Kriminalistik", die im Regelfall von fachkundigen Polizeibeamten und Spezialisten ab-
gehalten werden. Die Themen sind punktuell ausgewählt und berühren nur teilweise die
Kriminalistik als Fachwissenschaft.
Die Ruhr-Universität Bochum, Juristische Fakultät, bietet einen Weiterbildenden Studien-
gang ,,Kriminologie und Polizeiwissenschaft mit dem Abschluss Master of Criminology
and Police Science" an.[9] In einem Modul sind 2 Semesterwochenstunden (SWS) Krimina-
listik mit Übung vorgesehen.
An der Friedrich-Schiller-Universität Jena wurden bis 1999 im Rahmen des juristischen
Studiums zwei Semester Kriminalistik[10] für Juristen gelehrt. Erfreulicherweise ist es jetzt
unter Verantwortung von Prof. Dr. Frank Neubacher, Lehrstuhlinhaber für Strafrecht und
Kriminologie und Strafvollzug der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität, nach
siebenjähriger Pause zur Wiederbelebung gekommen. Seit dem Sommersemester 2007
werden an der Universität Jena zwei SWS Kriminalistik für Juristen angeboten. Die
Lehrveranstaltungen sind fakultativ, werden von akademisch ausgebildeten Lehrkräften
der DGfK durchgeführt und mit großem Interesse angenommen. Vielleicht bieten sich
hier Chancen für eine Weiterführung mit dem Ziel zunächst einen Aufbaustudiengang
(Master) zu integrieren.
Festzustellen ist, dass in Deutschland ein großes Vakuum im Hinblick auf kriminalistische
Qualifizierung von Führungskräften in Wirtschaft und Verwaltung besteht. So bietet die
private Steinbeis-Hochschule Berlin[11] ein zweijähriges Kompetenz-Studium MBA I im
Institute Risk und Fraud Management an. In der Spezialisierung werden im Fach Forensic
Investigation Wirtschaftsmanager, Juristen u. a., die bereits über einen Hochschulab-
schluss verfügen, in Strategien und Methoden zur effizienten Aufdeckung von wirt-
schaftskriminellen Handlungen unterrichtet. Sie absolvieren Wirtschaftskriminalistik, be-
fassen sich mit Ermittlungskompetenzen, Ermittlungsbehörden, Ermittlungsstrategien,
Beweisführung, Dokumentation, Befragungs- und Interviewtechniken und Forensic Soft-
ware. Als Dozenten sind auch Mitglieder der DGfK eingesetzt.
In vielen Wirtschafts- und Verwaltungszweigen der nichtöffentlichen Verwaltung beste-
hen strukturelle Institutionen, die sich mit Fragen der der Aufdeckung und außerprozessu-
alen Voruntersuchung von Straftaten (meistens Wirtschaftsstraftaten und Betrug) befas-
sen. So sind z.B. Krankenkassen gemäß § 197 a des Sozialgesetzbuches V verpflichtet,
organisatorische Einheiten einzurichten, die Hinweisen auf Verdacht von Straftaten nach-
gehen (Betrug im Gesundheitswesen). Sie sind gesetzlich verpflichtet die Staatsanwalt-
schaft unverzüglich zu unterrichten, wenn die Prüfung ergibt, dass ein Anfangsverdacht
auf strafbare Handlungen bestehen könnte. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in ande-
ren gesellschaftlichen Bereichen. Den dazu erforderlichen Qualifizierungsbedarf für das
Personal derartiger außerpolizeilicher Aufgabenfelder erbringen interne Fachhochschulen
der Polizei nicht.

5. Kriminalistische Forschung

Ergebnisse in der Forschung/Entwicklung jeglicher Wissenschaftsgebiete kommen nur
dann zustande, wenn die Einheit von Forschung - Lehre - Praxis Berücksichtig findet und
die Regeln, Prinzipen sowie Methoden wissenschaftlicher Erkenntnistätigkeit ideenreich
umgesetzt werden.
Der Gegenstand der kriminalistischen Forschung ist die Erkenntnisgewinnung, insbeson-
dere die Neuentwicklung von Mitteln, Methoden und Verfahren, die neuartige, bisher
nicht da gewesene geisteswissenschaftliche und naturwissenschaftlich-technische Verfah-
ren und Methoden hervorbringen, die sowohl die Theorie und Methodologie (das Funda-
ment einer Wissenschaft) der Kriminalistik, als auch ihre praktische Anwendung bei der
Verbrechensaufdeckung, Straftatenverhütung und der beweiskräftigen Straftatenuntersu-
chung befördern.
Die Entwicklung konzentriert sich auf die Weiterentwicklung von bestehenden Mitteln,
Methoden und Verfahren der Kriminalistik, als auch derer, die aus neuen Erkenntnissen
anderer Wissenschaftsdisziplinen geeignet sind, für die Kriminalistik adaptiert zu werden.
Die Struktur kriminalistischer Forschungstätigkeit in Deutschland ist zerklüftet. Es gibt
keine vom Forschungsrat der Bundesrepublik Deutschland gesteuerte Forschungsstrategie
zur Kriminalistik. Von dort geführte wenige Projekte befassen sich punktuell meistens mit
kriminologisch-soziologischen Fragestellungen, einschließlich des Strafvoll-
zugs/Wiedereingliederung. Sie werden von universitären Einrichtungen unterschiedlicher
Art, meistens in Zusammenarbeit mit Polizeibehörden durchgeführt. Währenddem es zur
naturwissenschaftlich-technischen Forschung und Entwicklung gut geführte mit den Bun-
desländern vereinbarte Forschungen (z.B. Biometrie, Digitalfunk, Forschungen am Poli-
zeitechnischen Institut der DHPol u.a.) gibt, verläuft die kriminaltaktische Forschung nur
sporadisch.
Träger der kriminaltaktischen Forschung sind:

  • die Fachhochschulen der Polizei,
  • vereinzelt Landeskriminalämter,
  • die Deutsche Hochschule der Polizei und
  • das Bundeskriminalamt.

An den Fachhochschulen besteht die Schwierigkeit, dass den Dozenten in bestehenden
Lehrverpflichtungsregelungen sehr wenig Zeit für wissenschaftliche Arbeit und For-
schung eingeräumt wird. Demzufolge wird die systematische Ausnutzung des For-
schungspotenzials der Studierenden wenig ausgeschöpft und der altbewährte Grundsatz
Forschend lehren, lehrend forschen nur sehr schwer umgesetzt.
Nur in drei Landeskriminalämtern gibt es Struktureinheiten, die sich mit Forschungsfra-
gen kriminalistisch-kriminologischer Art befassen. Forschungsprojekte der Deutschen
Hochschule der Polizei befassen sich weitgehend mit übergreifenden nationalen und in-
ternationalen Aspekten polizeilicher Führung und kaum mit speziellen wissenschaftsadä-
quaten Kriminalistikthemen.
Im Kriminalistischen Institut des Bundeskriminalamtes besteht die ,,Gruppe kriminalis-
tisch-kriminologische Forschung und Beratung". Sie fasst die einzelnen in den Bundes-
ländern laufenden Forschungsvorhaben in einer jährlichen ,,Forschungsdokumentation"
zusammen. Darüber hinaus werden im KI des BKA eine größere Anzahl eigener For-
schungsthemen, z. T. mit Polizeibehörden der Länder, Universitäten und anderen Einrich-
tungen (Mischprojekte) geführt. Die Themenpalette ist allerdings breiter als nur Krimina-
listik. Es werden jährlich kriminalistisch-kriminologische Forschungstagungen durchge-
führt. Sie gelten als eine Art Erfahrungstausch. Dem Bundeskriminalamt als Zentralstelle
der deutschen Polizei für die Kriminalitätsbekämpfung ist die Aufgabe der Forschung und
Forschungskoordination gesetzlich jedoch nicht übertragen.
Der größte Mangel besteht darin, dass die vielfach in Fachhochschulen, Polizeidienstellen,
Universitäten und Hochschulen gewonnen einzelnen und neuen Erkenntnisse zu wichtigen
theoretischen und praktischen Fragestellungen nirgendwo koordiniert, ausgewertet, zu-
sammen gefasst, systematisiert und weiter verbreitet werden. Hier macht sich das Fehlen
einer übergreifenden wissenschaftlichen Institution, wie eines universitären Lehrstuhles
Kriminalistik besonders deutlich bemerkbar.

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