Förderung der Kriminalistik in Wissenschaft, Praxis, Aus- und Weiterbildung Deutsche Gesellschaft für Kriminalistik
Förderung der Kriminalistik in Wissenschaft, Praxis, Aus- und WeiterbildungDeutsche Gesellschaft für Kriminalistik

Entwicklungstendenzen der Kriminalistik

Einige Entwicklungstendenzen der Kriminalistik in Deutschland und die Deutsche
Gesellschaft für Kriminalistik (DGfK)


Prof. Dr. sc. jur. Rolf Ackermann

  • Diplomkriminalist
  • Vertreter des Präsidenten der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg im Ruhestand
  • Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik (DGfK)


Hauptbegriffe:
Wissenschaft Kriminalistik; Kriminalistiklehre; Fachhochschulen Polizei; Bologna-
Beschlüsse; Bachelor-Studiengänge; Ausbildungsstandards in Kriminalistik; Hochschulaus-
bildung Kriminalistik; Polizeiwissenschaft; Kriminalistik-Forschung; nichtpolizeiliche Kri-
minalistik-Anwender; Deutsche Gesellschaft für Kriminalistik (DGfK); Mitgliedschaft, Ziele
und Arbeitsweise, Wissenschaftliche Konferenzen; Internationale Zusammenarbeit

Inhaltsangabe:
Der Beitrag kennzeichnet die Kriminalistik als eine mit den anderen Kriminalwissenschaften
eng verbundene eigenständige Wissenschaft. Es werden historische und aktuelle Entwick-
lungstendenzen skizziert. Dabei wird das System der Kriminalistikausbildung in Deutschland
vorgestellt. Die in der Bundesrepublik Deutschland fehlende universitäre Kriminalistikausbil-
dung wird als ein erhebliches Defizit bewertet. Insbesondere, weil neben der Polizei Richter,
Staatsanwälte, Verteidiger und andere Juristen sowie Mitarbeiter nichtpolizeilicher Untersu-
chungsbehörden großen kriminalistischen Bildungsbedarf haben. Es wird ein kurzer Einblick
in die kriminalistische Forschung gegeben, die vor allem im kriminaltaktischen Bereich ver-
besserungswürdig ist. Berichtet wird über den Stand der Umsetzung der Bologna-Beschlüsse
und die damit verbundene Umstellung auf Bachelor-Studiengänge. In diesem Zusammenhang
wird auf die Gefahr aufmerksam gemacht, dass dabei Studieninhalte im Fach Kriminalistik
verloren gehen könnten. Um dem entgegen zu wirken, wurden Mindeststandards als fachliche
Kompetenzen für die Kriminalistikausbildung an Polizeifachhochschulen entwickelt.
Im zweiten Teil wird der Anlass für die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Kriminalis-
tik dargestellt. In Deutschland besteht die Besorgnis, dass die wissenschaftliche Kriminalistik
durch Vermengung ihres Gegenstandes mit allgemeinen polizeilichen Einsatzmaßnahmen ihre
Konturen als Instrument der prozessrechtlichen Straftatenuntersuchung verliert. Die 2005
gegründete Gesellschaft verfolgt das Ziel, die Kriminalistik als Wissenschaft und praktisches
Instrument der Kriminalitätsbekämpfung fortzuentwickeln. Sie strebt eine, in Deutschland
schon einmal existierende, Etablierung der Kriminalistik als interdisziplinäres, aber eigen-
ständiges Lehrgebiet im System der Kriminalwissenschaften an. Die Gesellschaft versteht
sich als ein unabhängiger Fachverband. Er soll sich als Kompetenzträger für die Fortentwick-
lung der Kriminalistik als Wissenschaft entwickeln und durch seine Arbeit die Qualität krimi-
nalistischer Aufklärungs- und Ermittlungstätigkeit sowie Unterstützung der Lehre und For-
schung fördern.

Teil I

1. Kriminalistik als Wissenschaft

Kriminalistik ist ein wissenschaftliches, theoretisch begründetes, durch praktische Erfah-
rungen gestütztes sowie eng mit den Strafrechtswissenschaften verbundenes Fachgebiet,
das sich mit den Mitteln, Methoden und Verfahren zur Aufdeckung, Untersuchung und
Vorbeugung von Straftaten sowie kriminalistisch-relevanten Sachverhalten befasst.
Sie entwickelte sich aus den frühen untersuchungskundlichen und richterlich angeordne-
ten Aufgabenstellungen zur Umsetzung von Strafrechtskodifikationen. Im Zentrum ihrer
Methoden steht die Ermittlung von unbekannten Straftätern, die allumfassende Aufklä-
rung von Straftaten, das heißt die gerichtsfeste Untersuchung und Beweisführung wie
sich eine Straftat vollzogen haben könnte und schließt Fragestellungen der Bekämpfung
der Kriminalität durch die Gesellschaft ein. Kriminalistik ist nicht ausschließlich ein poli-
zeiliches Tätigkeitsfeld. Sie ist zugleich wichtiges Instrument richterlicher Tätigkeit sowie
der Tätigkeit aller weiteren Strafverfolgungsbehörden bzw. am Strafverfahren Beteiligten,
die kriminalistische Erkenntnisse und Erfahrungen in ihrer speziellen Tätigkeit anwenden.
Als Wissenschaft wird ein System von Kenntnissen über die Gesetze der Natur, der Ge-
sellschaft und des Denkens verstanden. Ihre Erkenntnisse werden in Begriffen, Aussagen,
Theorien und erkannten Gesetzmäßigkeiten fixiert. Jede wissenschaftliche Tätigkeit rich-
tet sich auf bestimmte gesellschaftlich notwendige Gegenstände bzw. Aufgaben. Einen
solchen Gegenstand bildet die Kriminalitätsbekämpfung einer Gesellschaft. Bezogen auf
diesen Gegenstand sammelt die Kriminalistik, auch im Konsens mit der Kriminologie,
systematisch menschliche Erfahrungen zu diesem ausgewählten Erkenntnisgegenstand.
Sie wertet dieses Wissen aus, bewahrt und lehrt es und gibt es in Traditionen weiter.

Es gibt unterschiedliche Betrachtungsweisen zum Wissenschaftsbegriff und der Wissen-
schaftseinteilung. In Verallgemeinerung verschiedener Theorien kann von einer Wissen-
schaft gesprochen werden, wenn sie:

  • einen eigenen spezifischen Gegenstandsbereich hat und diesen systematisch erforscht;
  • über eine eigene Theorie verfügt (z.B. Identifizierungstheorie, kriminalistische Expertisentheorie, Spurentheorie) welche das Wissen über das Wirken von gegenstandsbezogenen Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten in einem System von Kenntnissen erfasst;
  • über speziell von ihrem Fachgebiet benutzte Methoden und Verfahren sowie über eine eigene Methodologie verfügt
  • sowie eine praktische Verankerung zur Anwendung ihrer Methoden sowie Nutzung ihrer Erkenntnisse (hier Straftatenuntersuchung durch unterschiedliche Strafverfolgungsbehörden) gegeben ist.

Das Ziel der kriminalistischen Wissenschaft besteht darin, neue Erkenntnisse und Ge-
setzmäßigkeiten zu entdecken und sie unmittelbar in die Praxis der Straftatenuntersu-
chung (und nicht nur der polizeilichen) umzusetzen. Hier liegt der Schlüssel der oft
verkannten Bedeutung der Kriminalistik. Nicht jedes praktische polizeiliche oder ge-
richtliche untersuchungskundliche Handeln im Strafprozess sowie die Anwendung ih-
rer Erkenntnissen und Methoden ist gleich Wissenschaft. Der Ziel setzende Hinter-
grund der kriminalistischen Wissenschaft ist, über Einzelerfahrungen hinaus das Wir-
ken von Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und diese systematisiert für die polizeiliche
und richterliche Untersuchungstätigkeit verwendbar zu machen.[1]

2. Der aktuelle Stand

Über viele Jahre hinweg bestanden in der Bundesrepublik Deutschland Bedenken, ob
die Kriminalistik als eine Wissenschaft zu betrachten ist oder nicht.
Nachdem bis zum Ende des 19. Jahrhundert auch über Deutschland hinaus Zweifel be-
standen, ob die Kriminalistik eine Wissenschaft mit einem eigenständigen Gegenstand
ist, werden im Übergang zum 20. Jahrhundert die Konturen dieses Fachgebietes deut-
licher und ihre Anerkennung als Wissenschaft wird heute kaum noch bezweifelt. Die
Entwicklung vollzog sich nach Zbinden (1954) in drei Entwicklungsphasen:

  1. vorwissenschaftliche Kriminalistik,
  2. Entwicklung der Kriminalistik zur gerichtlichen Untersuchungskunde,
  3. Herausbildung und Entwicklung der Kriminalistik als Wissenschaft.

Die Kriminalistik befindet sich jetzt in ihrer dritten Phase. ,,Die Phase der Herausbil-
dung und Entwicklung als Wissenschaft, in der die Kriminalistik zunehmend natur-
wissenschaftlich-technische und psychologische Erkenntnisse aufnimmt und auf ihre
Belange ausrichtet, sich weiter abhebt von anderen mit dem Verbrechen befassten
wissenschaftlichen Disziplinen (z.B. Kriminologie), sich strukturell und organisato-
risch, national und international profiliert und ihren eigenständigen Platz innerhalb der
Kriminalwissenschaften findet."[2] Geprägt ist diese Phase von der Herausbildung und
Entwicklung ermittlungstaktischer Methoden zur gerichtsfesten Beweisführung, der
Entwicklung und Adaptation naturwissenschaftlich-technischer Methoden für die
Straftatenuntersuchung und das wechselseitige Einbringen von Erkenntnissen und Me-
thoden der forensischen Wissenschaften für kriminalistische Zielstellungen. Aus-
drücklich wurde im Gesetzgebungsverfahren für die jetzt gegründete Deutsche Hoch-
schule der Polizei Münster (der einzigen Polizeihochschule in Deutschland) der eigen-
ständige Charakter der Wissenschaft Kriminalistik festgestellt. [3]
Obwohl der Kriminalistik ein breites Betätigungsfeld bei der polizeilichen Aufgaben-
wahrnehmung eingeräumt wird, gibt es an dieser Hochschule keinen auf die speziellen
Belange der Straftatenuntersuchung abgestimmten Studiengang und keinen dement-
sprechenden akademischen Abschluss.
In diesen Prozess einzuordnen ist die Entwicklung einer Polizeiwissenschaft Deutsch-
land. Eine angestrebte Polizeiwissenschaft soll als Klammer polizeibezogener Fächer
wirken. Darin werden die Kriminalwissenschaften als ein wichtiger Teil dieser Poli-
zeiwissenschaft angesehen. Die Diskussionen über den Gegenstandsbereich, der noch
unklar und verschwommen ist, halten an. Einerseits wird Polizeiwissenschaft als Mög-
lichkeit der Erforschung der Polizei als Institution bzw. Organisation gesehen. Ande-
rerseits (verkürzt) als Wissenschaft über und vom polizeilichen Handeln. Die Befür-
worter einer Polizeiwissenschaft (die nicht generell abzulehnen ist, weil sie viele spe-
zielle polizeiliche Handlungselemente abdecken könnte, mit welcher sich die Krimina-
listik nicht befasst) vertreten die Meinung, ,,dass Polizeiwissenschaft sinnvoll nur als
interdisziplinäre Wissenschaft zu konzipieren ist. Sie integriert als Querschnittswis-
senschaft verschiedene wissenschaftliche Disziplinen oder Teile davon (Grund- und
Bezugswissenschaften). Dabei gehen diese Grund- und Bezugswissenschaften ­ also
auch Kriminologie und Kriminalistik ­ nicht derart in einer übergreifenden Polizei-
wissenschaft auf, dass sie ihre Eigenständigkeit verlieren."[4]

3. System der Kriminalistikausbildung

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es derzeit keine ausschließlich auf dem Wissen-
schaftszweig Kriminalistik beruhende fachspezifische Ausbildung, welche praktisch an-
wendbare Erkenntnisse, Verfahren und Methoden zur kriminalistischen Straftatenuntersu-
chung in ihrer Gesamtheit vermittelt. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass in den meis-
ten Polizeien der deutschen Bundesländer die Auffassung vorherrscht, eine dreijährige be-
rufsspezifische Ausbildung könne lediglich darauf ausgerichtet sein, allgemein übergrei-
fende polizeiliche Kenntnisse zu vermitteln (Generalistenausbildung) in denen Grundla-
gen der Kriminalistik enthalten sind. Eine spezifische Ausbildung für die unterschiedli-
chen Aufgaben der Polizei sei nicht möglich und könne erst im Anschluss an das Fach-
hochschulstudium durch spezielle Fortbildungsmaßnahmen einsatzbezogen vermittelt
werden. Dieser Strategie widerspricht allerdings die Tatsache, dass die weitaus größten
Tätigkeitsgebiete der Polizei kriminalistische Kenntnisse voraussetzen, unabhängig davon,
ob jemand organisatorisch zu einer Diensteinheit Kriminalpolizei gehört oder im polizeili-
chen Streifendienst tätig ist. Nur wenige Bundesländer (z.B. das Land Berlin) folgen die-
ser Strategie nicht und bilden im Fachhochschulstudium auch Kriminalisten aus, die nach
dem Studium kriminalpolizeiliche Aufgaben der Straftatenuntersuchung übernehmen.
Wie ist das System und wo befinden sich in Deutschland die Standorte für die Kriminalis-
tik-Ausbildung?

  • An den Landespolizeischulen (LPS) der Bundesländer, an denen Polizeibeamten für den mittleren Dienst ausgebildet werden;
  • an den Fachhochschulen der Polizei (FHPol) der Länder, an denen Polizeibeamte des gehobenen Dienstes in dreijähriger Ausbildung ausgebildet werden;
  • an den Fachhochschulen für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Polizeivollzugsdienst, an denen Beamte des gehobenen Polizeidienstes ebenfalls in drei Jahren zum Diplomverwaltungswirt ausgebildet werden;
  • an den Fachhochschulen des Bundes (Bundeskriminalamt, Bundespolizei);
  • an der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) in Münster. Sie bildet Absolventen von Fachhochschulen aus, die nach erfolgreicher Praxistätigkeit in einem zweijährigen Hochschulstudium zum Mastergrad geführt werden und als Führungskräfte des höheren Dienstes in der Polizei eingesetzt werden
  • sowie punktuell und aufgabenbezogen an Bildungseinrichtungen der Zollverwaltung und Steuerfahndung des Bundes und der Ländern.

Die zeitlichen Unterrichtsanteile im Fach Kriminalistik sind in den Bildungseinrichtungen
unterschiedlich. Einzelne Kriminalistiklehreanteile sind in anderen Fächern mit integriert.
Die Anteile liegen aber in den meisten Ländern bei 10 bis 15 Prozent vom Gesamtvolu-
men (von ca. 3000 bis 3500 Unterrichtsstunden). Bestandteile des Kriminalistik-
Unterrichts sind Kriminaltaktik, naturwissenschaftlich-technische Kriminalistik (Krimi-
naltechnik), kriminalistische Psychologie, Logik und Denken sowie die kriminalistische
Bearbeitung ausgewählter Delikte oder Deliktgruppen (Spezielle Kriminalistik) einschließ-
lich gerichtsmedizinischer Grundkenntnisse. Ein großer Mangel ist, dass theoretische und
methodologische Grundfragen der Kriminalistik wenn überhaupt, nur am Rande behandelt
werden. Ebenso kriminalstrategische Fragestellungen. Daneben und miteinander verzahnt
werden Grundfragen der Kriminologie behandelt. Meistens solche, die einen unmittel-
baren Bezug zur Kriminalistik und der polizeilichen Tätigkeit haben. Der Hauptmangel
diese Studienform besteht darin, dass die Kriminalistik nicht in ihrer gesamten Breite und
vor allem nicht in der Tiefe behandelt wird. Lehrinhalte beschränken sich auf das, was
zum ,,Handwerkszeug" des Polizisten gehört. Die Kriminalistik in Deutschland wird der-
zeit von hauptamtlichen Dozenten der Fachhochschulen, durch versierte Praktiker (Lehr-
beauftragte) der Polizeibehörden, dem Bundeskriminalamt und einige Landeskriminaläm-
ter weiter entwickelt. Ihr Defizit ist die polizeiinterne Abschottung, insbesondere im Be-
reich der Ausbildung von Führungskräften des höheren Dienstes, welche Leitungsfunktio-
nen im kriminalpolizeilichen Dienst der Straftatenuntersuchung auszuüben haben.

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