Förderung der Kriminalistik in Wissenschaft, Praxis, Aus- und Weiterbildung Deutsche Gesellschaft für Kriminalistik
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Die Untersuchung von Tötungsdelikten in der DDR

Mario Seydel, Mitglied des DGfK-Vorstandes, berichtet zur Fortbildungsveranstaltung am 03.09.2014 in Berlin

Prof. Schurich (links) und Remo Kroll, Foto: Mario Arndt

Lange wurde darüber gesprochen, immer wieder hatte der eine oder andere eine Idee zu einer Fortbildungsveranstaltung und damit der Möglichkeit, unserer Gesellschaft mehr Leben einzuhauchen, als nur durch unsere Jahresversammlung oder die Schriftenreihe. Die Vermittlung von kriminalistischem Wissen ist das Ziel unserer Gesellschaft und die Veranstaltung am vergangenen Mittwoch war ein guter Ansatz, über die Jahresversammlung hinaus, dieses Ziel zu verfolgen.

Dank unseres Vorsitzenden des Berliner „Landesverbandes“, Mario Arndt, haben wir es geschafft, eine Fortbildungsveranstaltung auf die Beine zu stellen. Jetzt, da wir die praktischen Hürden einmal überwunden haben, sollte es ein Leichtes sein, in absehbarer Zeit wieder einen Vortrag oder ein Seminar zu veranstalten. Wenn man erste einmal eine Veranstaltung organisiert hat, kennt man den praktischen Ablauf und kann sich noch mehr auf das Veranstaltungsthema konzentrieren.

Doch jetzt zum Bericht. Das Thema: „Die Untersuchung von Tötungsdelikten in der DDR“, erscheint auf den ersten Blick nur etwas für historisch interessierte „Altkriminalisten“ aus „Neufünfland“ zu sein. Die Befürchtung, dass es sich um einen drögen, unter Umständen ostalgisch geprägten Vortrag halten könnte, lag nahe. Vermutlich ist das der Grund, warum die Veranstaltung nicht völlig ausgebucht war, obwohl wir auch über den BDK für den Vortrag geworben hatten.

Die Befürchtungen zerstreuten sich schon bei den ersten Worten der Vortragenden, Remo Kroll und Prof. Schurich. Remo Kroll und Ingo Wirth hatten mit „Morduntersuchung in der DDR“ in akribischer Kleinarbeit und auf historische Korrektheit bedacht, ein 460-Seiten-Werk zusammengetragen, das seinen Platz in der kriminalistischen Bibliothek finden und auch als Nachschlagewerk dienen wird. Das Buch beschreibt neben den Methoden und der Organisation der Polizei auch Fälle aus der praktischen Arbeit der Morduntersuchungskommissionen. Bei dieser Gelegenheit habe ich noch etwas gelernt, das ich mich nie „getraut“ hatte zu fragen. Oft hatte ich die Abkürzung MUK gehört und glaubt mich verhört zu haben oder den Sprecher für einen „Nuschler“ zu halten. Es müsste doch eigentlich MOK heißen, dachte ich, Mordkommission, mit einem „O“ in der Mitte. Unsere Veranstaltung war für mich eine echte Fortbildungsveranstaltung, weil ich gelernt habe, dass es tatsächlich MUK heißt, nämlich Morduntersuchungskommission. Eine Mordkommission ist, nach damaligem Verständnis, nämlich eine Kommission, die für die Begehung von Morden zuständig ist.

Zurück zum Vortrag. Remo Kroll und Frank-Rainer Schurich berichteten sehr lebendig über herausragende Fälle, die es wert waren in: „Morduntersuchung in der DDR“, erwähnt zu werden.

Zwei seien hier kurz beschrieben:

Leichenfall Klosternausnitzer Forst 24.11.1979

Die Vortragenden erzählten anschaulich, mit Hilfe einer auf das Wesentliche und deshalb nicht überfrachteten Bildpräsentation, von dem Phänomen des Auffindens von Leichen, die in die DDR oder Ost-Berlin verbracht wurden, um die Aufklärung zu verhindern, sogenannte „Transitleichen“. So nutzen Täter die Interzonen-Autobahnen von West-Berlin nach West-Deutschland, um sich ihrer Opfer zu entledigen, in der Annahme, die Ermittlungen würden, aufgrund des „Eisernen Vorhangs“, ins Leere laufen. Tatsächlich wurden aber alle diese Fälle aufgeklärt und die Ermittlungsergebnisse an die Westberliner bzw. Westdeutschen Justizbehörden übergeben, so dass die Täter verurteilt werden konnten.

So auch der Fall einer unbekannten männlichen Leiche, die im Spätherbst 1979 in einem Wald bei Klosternausnitz gefunden wurde. Obwohl teilweise verbrannt, wird schnell klar, dass der Getötete nicht aus der DDR war. Insbesondere die Kleidung unterstützt diese Vermutung. Ein am Tatort gefundener Reifenabdruck führt die Ermittler auf die richtige Spur. Der Vergleich mit gängigen Reifenmodellen bestätigt, dass es sich um ein Fahrzeug aus dem „Westen“ handelte, nämlich einen  Ford. Der Abgleich mit den Visaunterlagen der Grenzkontrollen an der Interzonengrenze führen zur Ermittlung des vermeintlichen Täterfahrzeugs und damit zur Klärung des Falls. Die Ermittlungen ermöglichten die Verurteilung durch das Landgericht Berlin. Die Besonderheiten des Falls, neben der -insbesondere für die Täter - unerwartet guten Zusammenarbeit zwischen den Justizbehörden in Ost und West, sind die Akribie und der Aufklärungswille der Ermittler in der DDR.

Die Vermutung liegt nicht fern, dass diese Ermittler, nachdem sie festgestellt hatte, dass das Opfer aus dem Westen war und die Tat und der Tatort vermutlich Angelegenheit der „West-Justiz“ waren, ihre Ermittlungen an diesem Punkt hätten abrechen können. Es wäre dann Sache der Justiz in West-Berlin gewesen, den Fall auszuermitteln. Stattdessen besorgten sich die Ermittler das vermeintliche Täterfahrzeug, bei dem es sich um einen Mietwagen handelte, um dann in kriminalistischer Kleinarbeit die noch im Fahrzeug vorhandenen Spuren zu sichern und auszuwerten. Das Ergebnis dieser Arbeit bewies, dass es sich um das Fahrzeug handelte, in dem die Leiche transportiert worden war.

Der zweite Fall der hier kurz angerissen werde soll, ist der Fall des MfS Oberleutnants Wolfgang M.. M. hatte seine Frau in einem Wald bei Wandlitz erschossen. Er verstrickte sich bei seinen Aussagen gegenüber den Ermittlern der für Morduntersuchung zuständigen Spezialkommission des MfS  schnell in Widersprüche, so dass die Tat aufgeklärt werden konnte. Dieser Sachverhalt ist berichtenswert, zum einen, weil er die Arbeit des MfS  im Bereich der Ermittlungen von Kapitalstraftaten zeigt und zum anderen, weil er von dem Journalisten Peter-Ferdinand Koch aufgegriffen wurde, mit der Behauptung, das Opfer sei bei einem Putschversuch Honeckers gegen Ulbricht durch einen Querschläger aus der Waffe eines Personenschützers getötet worden. Nach Ansicht von Prof. Schurich ist diese These durch nichts zu belegen. Alle Ermittlungsergebnisse zeigen, dass M. seine Frau getötet hat. Es gibt keine Hinweise - in diesem Fall - für einen Putschversuch Honeckers. Lesenswert hierzu und zu dem übrigen Inhalt des Buches und der Schriftenreihe, in der es erschienen ist: Schurich, Frank-Rainer, Mord und Totschlag in der DDR in: Das Blättchen, Sonderausgabe 1/2014, S. 4ff. In jedem Fall zeigt dieses Beispiel, wie wichtig es ist, Polizeihistorie wissenschaftlich, quellenkonform aufzuarbeiten und zu publizieren, um so Legendenbildung vorzubeugen.

Ein weiterer Punkt, über den berichtet wurde, ist der Umstand, dass die Erstellung von Täterprofilen, sogenanntes Profiling schon lange, bevor Douglas, Ressler und Hazelwood ihre Untersuchungen publiziert hatten und Profiling ein Werkzeug der Kriminalistik in den USA und später in der Bundesrepublik Deutschland wurde, bereits Prof. Dr. Hans Szewczyk (ab 1961 Leiter der Abteilung Forensische Psychiatrie und Psychologie der HU) im Fall „Hagedorn“ ein Täterprofil erstellt hatte, das Grundlage für die Ermittlungsarbeit und letztendlich für die Ergreifung des Täters war. „Nihil novi sub sole“ wie der Lateiner zu berichten weiß.

Nicht unerwähnt soll der Teil des Vortrages bleiben, der sich mit der Schriftenreihe Polizei, Studien zur Geschichte der Verbrechensbekämpfung beschäftigte. Schurich und Kroll informierten über die zuvor in dieser Reihe erschienenen Bücher und über solche, die in Zukunft publiziert werden. Morduntersuchung in der DDR ist der dritte Band der Reihe. Geplant sind zahlreiche weitere Bände zu polizeiwissenschaftlichen Spartenthemen, die vermutlich nur von wirklichen Enthusiasten bearbeitet und veröffentlicht werden können.

Erschienen ist Morduntersuchung in der DDR im Verlag Dr. Köster in Berlin, im Mai 2014 und kostet 29,80 Euro.

Der zweite Teil des Abends war der Diskussion vorbehalten und tatsächlich wurde die Hälfte der veranschlagten Zeit von zwei Stunden für eine rege Diskussion genutzt. Insofern war es positiv, dass der Kreis der Zuhörer (ca. 20) überschaubar war und eine fast intime Gesprächssituation aufkam.

Die Autoren des Buches und die Vortragenden hatten sich bei ihrem Vortrag auf die Darstellung der Fakten beschränkt. Sie haben es, nach eigener Aussage bewusst unterlassen, die Systeme in Ost und West zu vergleichen und Unterschiede zu bewerten.

In der Diskussion und der Wortbeiträgen im zweiten Teil kamen die Personen zu Wort, die auch Gegenstand des Buches waren. Zum einen meldeten sich ehemalige DDR-Kriminalisten aus den MUKs und kriminalistische Urgesteine, wie Rolf Ackermann, die die Kriminalistik in der DDR auch wissenschaftlich begleitet haben. Viele Wortbeiträge kamen Co-Referaten gleich und gaben einen detaillierten Einblick in die Polizeiarbeit in der DDR. Dezidiert wurde von den Diskutanten Kritik an der heutigen Ermittlungsarbeit der Polizei im Allgemeinen und der Mordkommissionen im Besonderen geübt. Die Kritik war fundiert und sachlich. Einige der Teilnehmer konnten ihre Kenntnisse der Verhältnisse in der DDR und der Bundesrepublik in die Diskussion einbringen, weil sie in beiden Systemen gearbeitet hatten und ihnen somit am ehesten ein Vergleich möglich war.

Ich habe als  Außenstehender, West-Berliner und Nichtkenner der Materie viel erfahren, auch Sachen, die meine tägliche Arbeit als Strafverteidiger betreffen. Der Abend war unterhaltsam. Den Vortragenden ist für ihren lebendigen und zuhörerfreundlichen Vortragsstil zu danken. Zu danken ist auch Mario Arndt für die Organisation und die souveräne Leitung der Veranstaltung. Zu danken ist ebenso unserem Schatzmeister für die Zusagen, eventuell fehlende Mittel aus der Vereinskasse zur Verfügung zu stellen.

Ich freue mich jedenfalls schon auf die nächste Veranstaltung.

M.S.

 

 

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