Förderung der Kriminalistik in Wissenschaft, Praxis, Aus- und Weiterbildung Deutsche Gesellschaft für Kriminalistik
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Verleihung des Hans-Gross-Preises an Prof. Dr. Armin Forker

Ein kurzer Bericht über die Ausstellung: „Sherlocks Onkel“ im Kleist-Museum Frankfurt und die Verleihung des Hans-Gross-Preises durch den BDK-Brandenburg an unser Vereinsmitglied Prof. Dr. Armin Forker, am 25.3.2013, in Frankfurt an der Oder.

Von Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, Vorstandsmitglied der DGfK Mario H. Seydel

Hans Gross (1847 - 1915), ein großer Name in der Welt der Kriminalistik. War Hans Gross doch der Mann, der es unternahm, Straftaten mit den Mitteln der Wissenschaft aufzuklären. Weg wollte er, von den mehr oder weniger verlässlichen Aussagen von Zeugen. Spuren konnten verlässlich den Weg zum Täter weisen. Aus Einzelteilen sollte ein Bild entstehen, das der Rekonstruktion des Tatgeschehens entsprach. Adressat seiner Erkenntnisse war insbesondere der Richter, der einen Fall zu entscheiden hatte. Hans Gross ist der Vater der Kriminalistik als verbindender Methodik der einzelnen Kriminalwissenschaften.

Die Verleihung des Hans-Gross-Preises ist sozusagen der Oscar für Kriminalisten. Der Anspruch an die Nominierten ist entsprechend hoch. In diesem Jahr fiel die Wahl auf das Gründungsmitglied der DGfK Prof. Dr. Armin Forker.

Den Rahmen für die Verleihung des Preises bildete der 8. Delegiertentag des BDK-Brandenburg. Anlässlich dieses Kongresses wurde im Kleistmuseum der Stadt Frankfurt an der Oder eine Ausstellung mit dem Titel: „Sherlocks Onkel“, eröffnet. Die Ausstellung hatte sowohl Hans Gross, als auch Otto Gross, seinen Sohn, zum Gegenstand und ist eine Gemeinschaftsausstellung des Universalmuseums Joaneum Graz, des Hans-Gross-Kriminalmuseums Graz und des Kleistmuseums . Die dort gezeigten Exponate wird man in Deutschland sobald nicht wieder sehen. Das Kleist-Museum ist ein kleines, bescheidenes Museum. Unweit der Oder steht es, das unscheinbare Haus, das das Museum beherbergt.

Die Veranstaltung beginnt mit den Grußworten der in- und ausländischen Honoratioren. Eng stehen die Delegierten, vornehmlich männlich, die Fünfzig in Sichtweite (von vorn oder von hinten), dunkel gekleidet mit der roten Stimmkarte an einem Band vor der Brust hängend, in einem für diese Veranstaltung viel zu kleinen Raum im Erdgeschoss des Museums. Nach den Ansprachen wird zu einem Umtrunk geladen. In Gruppen sollen die Besucher die Ausstellung betrachten, weil die kleinen Räume den Ansturm aller Anwesenden nicht zulassen. Deshalb: Erst trinken, dann schauen oder erst schauen, dann trinken.

Die Ausstellung wird im ersten Stock gezeigt, auf kleinstem Raum, sozusagen Exzerpte der Leben von Hans und Otto Gross. Wenn man die schmale Stiege in das Obergeschoss geschafft hat, erwartet einen in mehreren Zimmern auf vielleicht 100qm eine Zusammenfassung des Wirkens von Hans Gross. Die Veranstalter hatten sich viel Mühe gegeben. Obwohl die Ausstellung stark textgebunden ist, schaffen sie es, die Besucher mit verschiedenen Originalexponaten und Photographien in die Zeit Hans Gross’ zu führen. Eines dieser Exponate ist der legändere Tatortkoffer, der von Hans Gross entwickelt wurde. Da Hans Gross vermutlich bei seinen Ermittlungen öfter nasse Füsse bekam, enthielt der Koffer auch ein frisches Paar Socken. Um die Arbeitsweise Gross’ zu verdeutlichen hat eine brandenburgische Polizeifachhochschule einen Tatort aufgebaut. Neben Hans Gross wird auch das Leben seines Sohnes Otto beleuchtet. Otto Gross war ein bekannter Psychiater, Psychoanalytiker und Anarchist. Er versuchte zeitlebens, sich der patriarchischen Herrschaft seines Vaters und der damaligen Gesellschaftsstrukturen zu entziehen, was ihm jedoch nicht gelang.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellungist die, aus heutiger Sicht, fragwürdige Einstellung zur damals weitverbreiteten Rassekunde. Gross vertrat die Ansicht, dass bestimmten Rassen bestimmte Eigenschaften zuzuordnen sind. Insbesondere die „Zigeuner“ waren Gegenstand seiner Überlegungen und Untersuchungen.

Ebenso fragwürdig erscheinen heute seine Untersuchungen und Thesen zur Frage: Wie ist mit „unbelehrbaren“ Wiederholungstätern zu verfahren?

Gross untersuchte, welche Möglichkeiten es gab, Wiederholungstäter von der Gesellschaft fernzuhalten. Die aus seiner Sicht naheliegendste Alternative, die Liquidation der Straftäter, schloss er ebenso aus, wie die dauerhafte Verwahrung in Gefängnissen. Gross sah in den Straflagern, wie sie damals von allen Kolonialmächten in ihren Kolonien unterhalten wurden, eine Möglichkeit, die Gesellschaft vor den Straftätern zu schützen. Im Rahmen seiner Untersuchungen wurden verschiedene Straflager im Ausland besucht und auf ihre Übertragbarkeit auf die Verhältnisse in KuK-Österreich hin analysiert.

Der Raum, den diese Themen innerhalb der Ausstellung einnehmen, ist verhältnismäßig umfangreich und wird dem Wirken von Hans Gross nicht gerecht. Das ausgeprägte Problembewusstsein der Veranstalter ist vermutlich dem Zeitgeist geschuldet. Es birgt aber auch die Gefahr, das Hans Gross und sein Wirken aus dem zeitlichen Zusammenhang gerissen und er in die Ecke derer, deren Namen man nicht nennt, gestellt wird. Wir kennen ein ähnliches Verhalten bei kriminalwissenschaftlichen Methoden, die von der DDR-Staatssicherheit angewendet wurden und deshalb, wie die Verwendung von Geruchsspuren, erheblicher Kritik oder sogar völliger Ablehnung ausgesetzt sind.

Ein weiter, interessanter Aspekt der Ausstellung war der Einfluss, den Gross’ Arbeit auf die Literatur hatte. Zahlreiche Autoren benutzten Gross’ Arbeit als Vorlage für ihre Kriminalromane, so z.B. Georges Simenon und Arthur Conan Doyle, dessen Romanfigur Sherlock Holmes genau nach den Methoden arbeitet, wie sie von Gross entwickelt wurden. Auch Franz Kafka, der während seines Jurastudiums mehrere Semester bei Gross, der damals Universitätsprofessor war, hörte, wurde von Gross beeinflusst. „Der Prozess“ ist in Teilen von Gross inspiriert.

Die Veranstaltung wurde mit der Verleihung des Hans-Gross-Preises im Döhnhoff-Gebäude der Viadrina fortgesetzt. Es ist die dritte Verleihung des Preises. Nach Dr. Erardo Rautenberg und dem Gründungsmitglied der DGfK, Prof. Dr. Rolf Ackermann, sollte nun Prof. Dr. Armin Forker der Preis verliehen werden.

An über den Raum verteilten Tischen saßen die Delegierten und die geladenen Gäste. Jedem war mittels einer Tischkarte ein Platz zugewiesen. Auch der DGfK, deren Vertreter ich sein durfte, war ein entsprechender Platz zugewiesen.

Redner reihte sich an Redner um dem Anlass gerecht zu werden. Herausgehoben seien hier Prof Dr. Gernot Kocher, Leiter des Hans-Gross-Museums in Graz, Prof. Dr. Rolf Ackermann und Prof. Dr. Christian Koristka.

Bildlich beschrieb Prof. Kocher das Leben und die Zeit Gross’. Wenn wir heute über die mangelnde Anerkennung der Kriminalistik klagen, zeigte uns Kocher, dass es zu Zeiten Gross’ und danach nicht anders war. Hart war der Kampf, den Gross ausfechten musste. Auch damals schon sahen die Juristen mit einiger Verachtung auf die praktische Erarbeitung des Sachverhaltes mittels wissenschaftlicher Methoden herab. Nur der Ausdauer Gross’ ist es zu verdanken, dass die Kriminalistik überhaupt etabliert wurde. Allen Rückschlägen zum Trotz, hielt Gross an seinem Ziel fest. Vermutlich ist es der Bekanntheit Gross’ im Ausland zu verdanken, dass er eine gewisse akademische Stellung und eine Anerkennung seiner Methoden erreichte.

Nach dem Tod Gross’, 1915, wurde Kriminalistik noch bis in die Sechziger-Jahre an der Universität Graz unterrichtet. Das Fach verschwand dann aber genauso wie das Hans-Gross-Museum, dessen Exponate in den Katakomben der Universität „mausoliert“ wurden. Erst in neuerer Zeit wurde das Museum wieder etabliert, nachdem ausländische Besuchergruppen nach den Hinterlassenschaften Gross’ verlangten.

Alles in allem kann man sagen, dass sich im Hinblick auf die Anerkennung der Kriminalistik, als eigenständige Wissenschaft nichts geändert hat.

Der zweite Redner, den ich erwähnen will, ist Rolf Ackermann, der Preisträger des letzten Jahres. Rolf Ackermann ist nicht nur ein Zeitgenosse des Preisträgers, sondern auch ein Weggefährte. Eng haben beide über Jahrzehnte zusammengearbeitet. Anfänglich war Rolf Ackermann noch der Student, der durch Armin Forker in die wissenschaftliche Kriminalistik eingeführt wurde. Später, als Rolf Ackermann sich seine wissenschaftlichen Meriten erworben hatte, arbeiteten beide gemeinsam an der Erforschung kriminalistischer Phänomene und Methoden.

Viele der Arbeiten Forkers haben bis heute nicht an ihrer Aktualität verloren. Sein Buch über die Ermittlung in Brandsachen kann bis jetzt als Standardwerk zu dieser Frage angesehen werden.

Rolf Ackermann beschreibt detailliert das akademische Leben Forkers. Unterstützt wird er dabei durch eine „Diashow“, die Bilder aus dem des Preisträgers zeigen.

Eines der bemerkenswertesten Details aus Forkers Leben ist der Umstand, dass er noch im fortgeschrittenen Alter von 81 Jahren an der Universität Jena unterrichtet.

Nach dem Laudator stellte sich Prof. Dr. Christian Koristka an das Rednerpult. Koristka, ebenfalls Gründungsmitglied der DGfK, hält seine „Rede“ frei. Nicht der akademische Lebensbereich Forkers wird durch ihn beleuchtet, sondern der menschliche, der private. Mit einem verschmitzten Lächeln erzählt Koristka. Man merkt, dass er in diesen Minuten gedanklich wieder in seiner Jugend an der Humboldt-Universität steckt. Auch Koristka war ein „Schüler“ Forkers.

Er berichtet über einen alten „Streit“. Als junger Doktorrand forderte er Forker bei dessen Habilitation heraus und stellte seine Meinung in Frage. Forker habe absolut professionell reagiert und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, nur seinem eigenen Ansehen habe die Episode etwas geschadet. Folgender Witz soll daraufhin die Runde gemacht haben:

Frage an Radio Eriwan:

„Darf ein junger Doktorrand seinen Lehrer herausfordern?“

Antwort Radio Eriwan:

„Im Prinzip ja, es ist nur schade um den jungen Doktorranden.“

Armin Forker beendete den Reigen der Redner. Bescheiden bedankte er sich mit der Unaufgeregtheit des nüchternen Wissenschaftlers. Um seine Beziehung zu Hans Gross zu beschreiben, erzählt er von seinem Versuch, das Werk Hans Gross’ „Der Raritätenbetrug“ als Reprint drucken zu lassen, und wie er dadurch in die Gedanken von Gross eindrang.

Nach den Reden wurde der Hans-Gross-Preis durch den Vorsitzenden des BDK-Brandenburg überreicht.

Der Abend wurde durch einen kulinarischen Teil abgeschlossen.

Anmerkungen:

Es kann dem BDK-Brandenburg gar nicht hoch genug angerechnet werden, dass er durch die Verleihung des Hans-Gross-Preises das Andenken des Namensträgers bewahrt und zum Gegenstand aktueller Auseinandersetzungen macht.

Wir als DGfK können stolz sein, dass wir Rolf Ackermann und Armin Forker zu unseren Mitgliedern zählen.

Nur, wie wird die Zukunft des Hans-Gross-Preises aussehen?

Wird es auch in der Zukunft noch ein Interesse an der Kriminalistik und der Person des Hans Gross geben?

Hieran könnte man Zweifel haben, wenn man sich z.B. die Altersstruktur der Anwesenden ansieht: männlich und um die fünfzig. Zwar mag es dem Umstand geschuldet sein, dass die Delegierten des BDK per se ein bestimmtes Alter haben. Gespräche mit den Delegierten lassen mich jedoch zweifeln, dass bei den jungen Kripobeamten die Notwendigkeit der Kriminalistik gesehen wird. Dass die Politik den Wert der Kriminalistik erkennt, kann wohl als ausgeschlossen angesehen werden.

Die Technikgläubigkeit verdrängt die Kenntnis der Grundlegenden kriminalistischen Arbeitsweisen. Vermutlich werden wir in Zukunft die „Täter app“ auf unser Smartphone laden, um kriminalistisch relevante Sachverhalte aufzuklären.

Der zweite Punkt, der mir zur Frage des Fortbestandes des Hans-Gross-Preises einfällt, ist der Pool der möglichen Preisträger. Wer soll in Zukunft den Preis tragen?

Nach den Statuten, soll der Preisträger jemand sein, der sich im besonderen Maße um die Kriminalistik verdient gemacht hat. Für Rolf Ackermann und Armin Forker trifft dies mit Sicherheit zu. Beide können sich durchaus mit der Lebensleistung Gross’ messen. Die Mitgliederliste der DGfK enthält noch den einen oder anderen Namen eines möglichen Preisträgers, doch ist hier Eile geboten. Das hohe Alter der designierten Preisträger lässt das Austrocknen des Preisträgerpools erahnen.

Wenn seit der Auflösung der Sektion Kriminalistik in Deutschland keine (oder kaum) wissenschaftliche Auseinandersetzung mehr mit der Kriminalistik stattfindet, können auch keine möglichen (inländischen) Preisträger „nachwachsen“. Der Preis droht in die Mittelmäßigkeit abzurutschen. Fachhochschullehrer, Staatsanwälte und Polizisten werden den Preis bekommen, ohne dass sie auch nur im Entferntesten an die wissenschaftliche Lebensleistung der ersten Preisträger herankommen.

Ein Lichtblick könnten die Rechtsmediziner sein, in deren Bereich noch geforscht wird. Die Forschung in der Rechtsmedizin, als Teildisziplin der Kriminalistik, kann man problemlos der Förderung der Kriminalistik zuordnen. Hier gibt es zahlreiche Persönlichkeiten, die aufgrund ihres wissenschaftlichen Lebenswerkes als Preisträger in Betracht kommen.

Ein Blick über die nationalen Grenzen könnte ebenfalls die Sicht auf mögliche Preisträger eröffnen.

Es ist dem BDK-Brandenburg zu wünschen, dass er die hohen Standards bei der Auswahl der Preisträger beibehält und, dass ihm die „Kriminalisten“ nicht ausgehen.

Man möchte dem BDK-Brandenburg zurufen: „Macht weiter so!“

Bleibt nur abschließend zu bemerken:

Die Kriminalistik ist nicht nur die Methode, Straftäter dingfest zu machen, sondern der Schlüssel zur Gerechtigkeit. Der Sachverhaltsermittler trägt die Verantwortung für den Ausgang des Ermittlungsverfahrens und des Hauptverfahrens. Im obliegt es insbesondere Unschuldige vor Bestrafung und anderen Repressalien zu bewahren.

Insofern ist die Bewahrung der Kriminalistik von gesamtgesellschaftlichem Interesse.

Fernsehberichte zur Ausstellung und zur Preisverleihung:  

http://www.ffo-tv.eu/berichterstattungen/Hans__Gross__Ausstellung-2754.html

http://www.ffo-tv.eu/berichterstattungen/Hans_Gross_Preis-2753.html

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